goto content


h1 Title
print

Share |

Betreff   Den “Secret Sunshine” mit der Welt teilen
“Was bedeutet Milyang?”
“Die Bedeutung ist nicht wichtig. Es ist nur ein Ort, wo Menschen leben.”
“Warum ist das so?”
“Einfach so.”
Diese Unterhaltung zu Beginn von „Secret Sunshine“, Regisseur Lee Chang-dongs Rückkehr in die Filmwelt (er war zwischenzetilich Koreas Minister für Kultur und Tourismus), erklärt in vier einfachen Zeilen die Intention des Films.

Ein kraftvoller Blick auf Leben, Glauben, Leiden und die Bedeutungslosigkeit des Ganzen und doch liefert „Secret Sunshine“ mit seinem Blick auf den Zustand der Menschen Hoffnung inmitten der bodenlosen Verzweiflung. Mit seiner gut durchdachten Story, den herausragenden Leistungen zwei der besten koreanischen Schauspieler und der offiziellen Einladung zum Filmfestival von Cannes kann „Secret Sunshine“ als bester koreanischer Film des Jahres gelten.
Leiden und Bedeutung
Der koreanische Titel von “Secret Sunshine” ist “Milyang”, einem kleinen Provinznest, in dem der Film spielt. Nicht zufällig kann man den Namen dieser Stadt auch mit “Secret Sunshine” übersetzen und der Film sucht über 2 Stunden nach diesem verborgenen Sonnenschein bis er schließlich – mehr oder weniger – gefunden wird, und zwar dort, wo man ihn am wenigsten vermutet.

Der Film fängt an mit Sin-ae (gespielt von Jeon Do-yeon), einer alleinerziehenden Mutter, die den Tod ihres Mannes noch immer nicht verkraftet hat, und die mit ihrem Sohn Jun nach Milyang fährt, der Heimatstadt ihres verstorbenen Mannes. In Milyang möchte Sin-ae nun ein neues Leben beginnen.

Als das Auto den Geist aufgibt, kommt ihnen der Mechaniker Jong-chan (Song Kang-ho) zu Hilfe. Jong-chan zeigt ganz klar Gefallen an Sin-ae. Was sich in den nächsten 2 Stunden herausstellt, ist eine zuweilen herzzerreißende Untersuchung der menschlichen Existenz. Warum leiden Menschen? Hat Gott überhaupt das Recht, denjenigen zu vergeben, die unser Leben stören, wenn wir selbst noch daran arbeiten zu vergeben? Kann man überhaupt hoffen, in einer Welt voller Schmerzen, Frieden zu finden? Regisseur Lee fragt einige ungestüme Fragen und die Antworten, so sie denn überhaupt gegeben werden, werden zur Interpretation durch den Zuschauer offen gehalten.
Ein Film als Roman
“Secret Sunshine” ist ein Roman als Film, in vielerlei Hinsicht. Wie Scott Foundas von der LA Weekly schreibt, ist dies „wahrscheinlich Lees bisher ambitioniertester und absolut vollendeter Film; "Secret Sunshine" ist ein Film wie es ihn nur selten gibt, da er die Komplettheit und Komplexität eines großartigen Romans hat – einer, der uns immer wieder neue Schichten entdecken lässt, je tiefer wir uns darin bewegen“.

Dies sollte wirklich keine Überraschung sein. Secret Sunshine basiert schließlich auf einem Kurzroman des altehrwürdigen Schriftsteller Lee Cheong-jun. Noch wichtiger ist aber vielleicht, dass Lee Chang-dong selbst, bevor er sein Glück mit Filmen versuchte, seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller verdiente. Und das sieht man. Alle bisherigen Filmen von Lee waren gekennzeichnet von einem dichten und ausgereiften Plot, der den Roman als Medium mit den Mitteln des Romans aussticht. Kim Young-jin, einer von Koreas führenden Filmkritikern äußerte sich folgendermaßen zu Lee Chang-dong in der Filmzeitschrift Film 2.0: „Lees frühere Filme sind bekannt für das hohe Maß an Vervollkommnung, der solide geplanten Plots wie bei einem früheren Schriftsteller. Lee plant seinen Plot zunächst sehr dicht und dann während der Aufnahmen, beginnt der Film von der literarischen Vorlage abzuweichen. ’Peppermint Candy’ war ein Film, der in der Zeit rückwärts ging, während ‘Oasis’ melodramatische Fantasien und die Realität von Angesicht zu Angesicht konfrontierte wie in einem Doppelspiegel.”

Und “Secret Sunshine” is da nicht anders; genau genommen ist er vielleicht sogar noch literarischer als sein Vorgängerfilm "Oasis". So sagt Song Yeong-deok, Filmkolumnist für die Businesszeitung Maeil: „Die literarische Sprache von ‘Green Fish’ und ‘Peppermint Candy’ wechselt nur in ‘Oasis’ in eine filmische. Aber in Secret Sunshine, herrscht wieder Lees frühe literarische Sprache.“ Es ist sogar so literarisch, dass Song sagt, den Film anzuschauen sei wie einen „Roman in Filmlänge” zu schauen, dank der Komplexität und vielen Schichten, in die sich der Film vertieft.
Nicht der durchschnittliche, gedankenlose Wochenendstreifen
“Secret Sunshine” ist kein Film, der einfach anzuschauen ist – und das ist so gewollt. Der Film ist im Kern eine Liebesgeschichte, aber in Wahrheit ist er viel mehr als das. Er ist ein Film über Liebe, Verlust, Schmerz und Leid, Leiden, Glauben, Vergebung und Erlösung, Gott, Christentum, Menschlichkeit und mehr. Denjenigen, die einen Film zum Abschalten suchen, sei von diesem Film dringendst abgeraten.

Die Handlung ist zudem nicht nur (wie bereits erwähnt) sehr dicht, sondern die Geschichte hat auch mehr Wendungen und Drehungen als eine durchschnittliche Achterbahn. Der oben erwähnte Foundas sagt hierzu, dass es der Film es ebenso “so schwierig macht, nach 10 Minuten hervorzusagen, was passiert wie nach 2 Stunden“. Ganze 141 Minuten ist der Film zwar lang, aber dank vieler Rückschläge in der Handlung, fühlt er sich an keinem Punkt so an. Es gibt keine ruhig hindümpelnden Lücken in der Geschichte und nirgendwo Raum für mehr in diesem dicht und meisterhaft gesponnenen Netz von Lees Geschichte.

Noch eine weitere Sache macht Secret Sunshine ein wenig unangenehm für den durchschnittlichen Allesgucker, nämlich die Tatsache, dass genau wie in Lees vorherigen Filmen es in diesem Film keinen Notausgang, keinen Raum für eine persönliche Katharsis der Emotionen gibt. Er verhindert zudem, dass man mit einem der Charaktere mitfühlt. Das soll nicht heißen, dass die Charaktere platt wären – nichts wäre fremder von der Wahrheit.

Was der Film dafür schafft, ist eine kühl distanzierte Betrachtung der Leben der Charaktere. Keine künstlichen melodramatischen Mittelchen werden eingesetzt, um das Publikum zu rühren. Viel mehr wird das Leben in all seinem brutalen Realismus porträtiert; und obwohl der Film einige harte Fragen stellt, bleibt es dem Zuschauer überlassen, wie er mit diesen umgeht.

So sagtr die Chosun Ilbo: „Vorgebend ein Melodrama zu sein, fragt [Secret Sunshine] immer wieder Fragen über die Natur des Menschen. Können Menschen die Wahrheit verstehen, können Sie andere Menschen verstehen, verstehen sie Gott? Warum ist es so schwierig eine allumfassende letzte Wahrheit zu finden, obwohl wir uns so bemühen? Die Antworten liegen beim Publikum, obwohl man sicher sagen kann, dass Lees Film kein Happy End zu haben scheint“.
Schauspielkunst vom Feinsten
Lee Chang-dong ist ein berüchtigter Perfektionist. Es wird gesagt, dass die Emotionen hochkochen am Drehort, wenn der Regisseur die Schauspieler drängt, an die Grenzen ihrer Kunst zu gehen. Secret Sunshine ist da keine Ausnahme – ein Gerücht in Chungmuro besagte, dass der Film in einer sehr gespannten Atmosphäre gedreht wurde.

Zum Glück aber war Lee mit den beiden vollendetsten Talenten der koreanischen Schauspielkunst gesegnet, Jeon Do-yeon und Song Kang-ho. Selbst wenn man kein Fan von Lees Filmen ist, ist es alleine wert den Film zu sehen, um zwei der besten Schauspieler Asiens auf dem Gipfel ihres Kunst zu erleben.

Jeon Do-yeon ist seit langem für ihre mimischen Qualitäten bekannt als „Gründungsmitglied“ der inoffiziellen “Schauspielfraktion” (im Gegensatz zu den Sternchen, die ihr Brot nur mit gutem Aussehen verdienen). In Secret Sunshine zeigt sie uns die wahrscheinlich großartigste Leistung einer sowieso schon beeindruckenden Karriere. Selten wurde eine Schauspielerin so durch die Skala der Emotionen (und psychischen Stabilitätsgrade) geschickt wie Jeon in ihrer Hauptrolle als Sin-ae und doch spielt sie ihre Rolle perfekt als Frau, die verzweifelt mit der Tragödie zu kämpfen hat und fast unerträgliches Leid erträgt inmitten eines emotionalen Konfliktes. Ihre Leistung war so herausragend, dass die einheimischen Medien bereits über den Award für die beste Schauspielerin in Cannes spekulieren.* Jeon Sang-hui von der Chosun Ilbo kommentiert ihre Chancen folgendermaßen: “Offizielle des Festivals achten besonders auf die Figur der Sin-sae, einem Charakter, der bei westlichen Festivals bevorzugt wird, da er mit einem inneren Konflikt kämpfen muss und dabei ein breites Spektrum an Emotionen abdecken muss. Immer mehr Menschen sagen voraus, dass sie große Aufmerksamkeit von den internationalen Medien erhalten wird, so wie Maggie Cheung, die den Preis für die beste Schauspielerin in Cannes 2004 für ihr Rolle in ‘Clean’ gewann“.

Bei so viel Aufmerksamkeit für Jeon kann es leicht passieren, dass man die herausragende Leistung von Song Kang-ho darüber vergisst. Das allerdings wäre ein Fehler. Song hat extreme Anstrengungen in seine Rolle gesteckt, die ein wenig melodramatischer herüberkommt als wir es von dem eigentlich komödiantischen Song gewöhnt sind. Sein Spiel des Jong-chan, einem Mechaniker und überzeugten Single, der sich schließlich in Sin-ae verliebt, bietet genau die richtige Dosis Leichtigkeit, um den Film davor zu bewahren, zu düster und schwermütig zu werden. Er schafft es hierbei zudem seinen Text in dem eigenwilligen Dialekt der südlichen Gyeongsang-Provinz zu sprechen, wo der Film spielt.
Ritterschlag aus Cannes
“Secret Sunshine” war im Wettbewerb um die Goldene Palme in Cannes und hierbei einer von zwei koreanischen Filmen, die dieses Jahr eingeladen wurden (der andere war Kim Ki-duks „Breath“). Es ist interessant zu bemerken, dass Korea dieses Jahr von zwei Filmen repräsentiert wurde, im Gegensatz zu Japan mit nur einem und keinem einzigen aus China. Das zeigt erneut Koreas Stellung als Filmmacht in Asien. So sagte Ahn Mi-young von der DPA sogar, dass Korea “Asiens Aushängeschild” in Cannes sein. Mögen Lee und seine Besetzung auch in Zukunft dieser Rolle gerecht werden.
Der Artikel wurde freundlicherweise vom SEOUL magazine zur Verfügung gestellt
* Inzwischen hat sich gezeigt, dass die Spekulationen nicht unberechtigt waren: Jeon Do-yeon wurde im Laufe des Festivals der umjubelte Liebling der Kritiker und Zuschauer. Dies wurde im wahrsten Sinne vergoldet als sie bei der feierlichen Preisverleihung am Ende des Festivals aus den Händen Alain Delons den Preis für die beste Schauspielerin erhielt, was ihrer ohnehin bereits an lokalen Auszeichnungen (Blue Dragon Award, Grand Bell Award) reichen Karriere den vorläufigen internationalen Höhepunkt bescherte.
Datum 10-09-2007

Service

Zum Seitenanfang